5. Exkurs: Kontingenz und Wirklichkeitsbegriff bei Makropoulos

So umfassend und fruchtbar Ernst Cassirers Symbolphilosophie auch ist, seine Ausführungen sind alt genug, um bestimmte Entwicklung auf dem Gebiet der Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften nicht miteinbeziehen zu können. In Auseinandersetzung mit dem Gegenstandsbereich des Sozialen erscheint besonders der Begriff der Kontingenz klärungs- und theoriebedürftig. Michael Makropoulos stellt sich in seiner „Theorie der Massenkultur“33 diesem Begriff. Er fasst Kontingenz als handlungstheoretische Kategorie, die einen Bereich spezifischer Unbestimmtheit in der Wirklichkeit bezeichnet34. Menschliches Handeln ist in eine spannungsreiche Beziehung zu einerseits Wirklichkeit und Möglichkeiten andererseits gesetzt. Dieses Handeln vollzieht sich in dieser Hinsicht vor einem Möglichkeitshorizont, dessen Ausdeutung in Neuzeit und Moderne eine typische Wandlung erfahren hat:

„Kontingent, so könnte man sagen, sind jetzt nicht nur Realien, an denen sich Handeln verwirklicht, sondern auch die Realität, in der diese Realien stehen, so daß die systematische Ambivalenz des Kontingenten als Handlungsbereich und Zufallsbereich, als die Ambivalenz zwischen Verfügbarem und Unverfügbarem, eine sehr andere Qualität bekommt.“[35]

In anderen Worten kommt diese Ambivalenz darin zum Ausdruck, dass ein auf Möglichkeitsoffenheit gerichtetes Weltverhältnis als Erweiterung des Bereichs menschlichen Handelns aufgefasst werden kann und somit menschlicher Freiheit neue Möglichkeiten bietet. Ebenso lässt sich die Entgrenzung des Bereichs des Zufälligen als bedrohlich auffassen, weil die nun hinfälligen Grenzen des Zufalls als Bezugsrahmen nicht mehr ohne Weiteres im Zeichen der Orientierung in der Wirklichkeit stehen. Die Ambivalenz des Kontingenzproblems spitzt Makropoulos auf die Unterscheidung zwischen emphatischer und problematischer Seite des Kontingenzbewusstseins zu[36]. Für die „politisch-soziale Selbstkonstitution“[37] der frühen Neuzeit war nach Makropoulos besonders letztere entscheidend.
Makropoulos stellt spezifische Eigenschaften neuzeitlichen und modernen Kontingenzbewusstseins im Unterschied zu vormodernem Kontingenzbewusstsein heraus, die von fundamentaler Bedeutung für Umdeutung des Begriffes von Wirklichkeit sind. Die moderne Integration artifizieller Wirklichkeiten als Selbstverständlichkeiten und das für die Moderne typische konstruktivistische Weltverhältnis haben ein bestimmtes Kontingenz- und somit Wirklichkeitsverständnis zur Bedingung.

„Charakteristisch für das Wirklichkeitsverständnis der einstimmigen Kontextualität ist deshalb, daß Wirklichkeit hier – anders als im antiken und im mittelalterlichen Wirklichkeitsbegriff – nicht nur gemachte und in diesem Sinne auch anders mögliche, veränderbare Wirklichkeit ist, sondern auch eine Wirklichkeit, die im Singular nicht zu haben ist, weil sie sich in Konkurrenz zu anderen realisierten Wirklichkeiten befindet, die jeden Totalitäts- und Absolutheitsanspruch einer einzelnen Wirklichkeit dadurch strukturell relativieren, daß sie potentiell inkommensurabel sind.“[38]

Die Erzeugung in sich einstimmiger Kontexte bleibt an die konstruktiven Potentiale Einzelner zurückgebunden, weist gleichzeitig aber insofern über das Subjekt hinaus, als dass die Konstruktion von Wirklichkeit als konstitutiv für den Möglichkeitsraum erweist, in welchem menschliches Handeln gedacht und vollzogen werden kann. Entsprechend kommt dem Wirklichkeitsbegriff eine neue Qualität zu, denn die symbolische Konstruktion der Wirklichkeit schlägt sich in Kontexten nieder. Einstimmige Kontextualität bedarf wiederum der Abgrenzung bzw. Kontrastierung zu anderen Kontexten. Diese Kontexte zu bestimmen und zueinander ins Verhältnis zu setzen bietet eine brauchbare theoretische Ausgangslage für die Modellierung von Vergleichseinheiten. Damit ist die Gefahr jedoch noch nicht gebannt, den eingangs erwähnten Aporien vergleichender Forschungszugänge aufzusitzen. Schließlich lässt sich festhalten, dass auch vergleichend-historische Erkenntnis ständiger Aus- und Umdeutung bedarf sich selbst stets kritisch im Blick zu behalten hat.

 

[33] Makropoulos, Michael: Theorie der Massenkultur. Fink, München: 2008.

[34] Vgl. ebd. S. 33.

[35] Ebd. S. 37.

[36] Vgl. ebd. S. ff.

[37] Ebd. S. 39.

[38] Ebd. S. 50.