4. Symbolische Formen und kulturhistorisches Vergleichen

Symbolische Formen gelten Ernst Cassirer als grundlegende geistige Leistungen, die konstitutiv für menschliche Erkenntnis überhaupt sind, ohne dass damit andere Erkenntnisbedingungen in ihrer Geltung beschnitten worden wären. Sorgfältig trennt er logisch-analytische Denkoperationen von den Gegenständen, auf die sie gerichtet werden und setzt zudem beides in Beziehung zueinander. Die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen bedienen sich allesamt symbolischen Denkens, um ihre Ergebnisse hervorzubringen. Ihre Verschiedenheit erklärt sich aus den verschiedenen Fragestellungen, unter denen Wissenschaften sich ihrer Forschung widmen. Cassirer führt all diese Wissenschaftsgebiete unter der basalen Operation symbolischen Denkens zusammen. Somit stellen diese sich weniger als gegeneinander abgeschottete und voneinander unabhängige Erkenntnisbereiche und vielmehr als verschiedene Modi menschlicher Erkenntnis dar. Diese Einsicht ist folgenreich für das, was weiter oben als bewusste Meta-Reflektion angesprochen wurde.
Ziel dieser Meta-Reflektionen innerhalb kulturhistorischen Vergleichens ist bewusste Modell- und Typenbildung. In Cassirers Theoretisierung symbolischer Formen unterscheidet sich der historische Erkenntnismodus von naturwissenschaftlichen Modi dadurch, dass letztere ihre Tatsachen vorrangig durch Experiment und Beobachtung hervorbringen, während ersterer hauptsächlich mit der Deutung von Symbolen beschäftigt ist. Dies begreift er konstruktiven Akt, der die Gegenstände historischer Erkenntnis aus symbolischer Rekonstruktion gewinnt und hervorbringt. Auch wenn die Zielsetzung im Feststellen objektiver Tatsachen liegt, sind diese höchstens analytisch von der Subjektivität historisch Forschender zu trennen. Dem Historikersubjekt kann Weltdeutung nur im Rückgriff auf eigene Welterfahrung gelingen. Hinzu kommt, dass die symbolische Rekonstruktion historischer Wirklichkeit ihre Gegenstände erst selbst hervorbringen muss. Diese Gegenstände lassen sich nicht auf ihre Materialität beschränken und bei der Erzeugung dessen, was ihren Symbolcharakter ausmacht, kann auf Menschen nicht verzichtet werden. Dies führt Cassirer darauf, das Dilemma historischer Erkenntnis dadurch aufzulösen, sie als eine Form von menschlicher Selbsterkenntnis zu begreifen. Soll kulturhistorisch-vergleichende Modell- und Typenbildung bewusst und transparent erfolgen, muss die spannungsreiche Beziehung zwischen Historikern und ihren Untersuchungsgegenständen miteinkalkuliert werden. Insofern ist die Mahnung angebracht, eigene kulturelle Projektionen nicht mit objektiven Gegebenheiten zu verwechseln. Eine vergleichende Analyse kultureller Austauschprozesse in historischer Perspektive muss sich der Kontingenz symbolischer Formen bewusst sein – auch derer, die sie zunächst als reine Abstrakta angelegt sind, wie es z.B. bei tertia comparationis explizit der Fall ist. Anders gewendet kann von bewusster Meta-Reflektion am ehesten dann die Rede sein, wenn sie sich als symbolische Konstruktion begriffen hat und sich in den Dienst der symbolischen Rekonstruktion vergangener Wirklichkeit stellt.
Eine vergleichende Auseinandersetzung mit Interkulturalität oder anderen kulturwissenschaftlichen Themengebieten bedarf noch immer sinnvoll modellierter Vergleichseinheiten. Auf basaler Ebene handelt es sich dabei im Sinne Cassirers um historische Tatsachen, diesmal insofern sie nicht auf eine Zustandsbeschreibung rein physikalischer Wirklichkeit, sondern auf das Verstehen menschlichen Lebens in der Vergangenheit ausgerichtet sind. Der Erfolg dieses Unternehmens ist maßgeblich davon abhängig, welche Quellen zur Verfügung stehen oder anders: was an früherer Wirklichkeit eben nicht vergangen ist.
Reckwitz‘ Aussage, dass sich die symbolische Konstruktion der Wirklichkeit nicht primär auf Ebene des Bewusstseins oder des Unbewussten von Akteuren vollziehe, sondern in Zwischensequenzen oder Diskursformationen zu suchen sei, wird von Cassirers Theorie – wie sie hier vorgestellt wurde – getragen. Der Vielgestaltigkeit symbolischer Formen begegnet Cassirer damit, dass er sie in einem Denkraum verortet, der sich über die drei nach ihrem Abstraktionsgrad unterschiedenen Dimensionen Ausdruck, Darstellung und Bedeutung erstreckt. Ohne symbolische Formen wie z.B. auch wissenschaftliche Meta-Reflektionen der oben umrissenen Art bliebe die Dimension der reinen Bedeutung unangetastet. Verlässt man jedoch den Bereich wissenschaftlicher Erkenntnis und richtet den Blick auf eine als gemeinsame oder geteilte begriffene Lebenswirklichkeit, ist man mit einem spezifischen Unterschied konfrontiert. Ist wissenschaftliche Erkenntnis sowie deren Darstellung hochgradig und flächendeckend formalisiert und standardisiert, verhält es sich im alltäglichen Leben mitunter ganz anders. Entsprechend erscheint es als recht bequemer Umstand, dass das, was an wissenschaftlicher Selbsterkenntnis zu haben ist, zumeist fertig dokumentiert vorliegt. Die Verhältnisbestimmungen, die Cassirer zwischen den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen vornimmt, münden gewissermaßen über den Symbolbegriff und dessen wissenschaftstheoretische und –historische Einordnung in eine Zwischensequenz.
Die Bestimmung von Vergleichseinheiten besteht also letztlich im Hervorbringen historischer Tatsachen im Sinne Cassirers. Was den Vergleich ausmacht, ist, dass es ihm um eine Verhältnisbestimmung zwischen den Vergleichseinheiten geht, welche ihren spezifischen Tatsachencharakter erst aus der Rekonstruktion dieses Beziehungsgeflechts und vor dem Hintergrund analytisch hervorgehobener tertia comparationis erhalten. Doch auch diese Vorgehensweise muss sich damit abfinden, Wirklichkeit nicht vollständig rekonstruieren und beschreiben zu können, was eine begründete Auswahl erforderlich macht. Da die Vergleichseinheiten kulturhistorischer Forschung im obigen Sinne Meta-Konstruktionen der Forschenden darstellen, welche nicht deckungsgleich mit dem anvisierten Wirklichkeitsausschnitt sind, stellt sich abermals das Problem bewusster Reflektion.
Akzeptiert man symbolische Formen als Konstituenten menschlicher Wirklichkeitserfahrung, bietet es sich an, diese Reflektionen innerhalb des philosophischen Bezugssystems zu verorten, dass Ernst Cassirer vorgestellt hat. Das kulturhistorische Vergleichen ist auf eine Vielzahl von Konstruktionsleistungen der Forschenden angewiesen, die entsprechend nach ihrem Abstraktionsgrad unterschieden werden können. Gleichzeitig muss kulturhistorischer Forschung auch an der Bündelung dieser Prozesse gelegen sein, will sie sich nicht in sich selbst verlieren. Hieraus erwächst die Forderung einer in den Forschungsprozess eingelassen Auseinandersetzung der Forschenden mit sich und ihren Vorgehensweisen.
Das bis hierhin Vorgetragene beschränkt sich weitgehend auf das Einzugsgebiet wissenschaftlicher Erkenntnis, das – gemessen an der Fülle und Vielgestaltigkeit menschlicher Kulturäußerungen – recht eng umgrenzt ist. Ihrer Tendenz nach ist auch nicht-wissenschaftliche Erkenntnis auf Objektivität ausgerichtet. Der Unterschied liegt jedoch in der Wahl der Erkenntnismittel. Diese Erkenntnis kommt in hochgradig kontingenten sozialen Phänomenen zum Ausdruck. Diese Phänomene gehen nicht völlig in symbolischen Konstruktionsakten im Bewusstsein oder im Unbewussten Einzelner auf und in dieser Hinsicht gerät der Verweis auf die Kontingenz des Sozialen auch zur handlungstheoretischen Implikation.