3. Symbolische Formen und historische Erkenntnis

Wie schon zuvor in Auseinandersetzung mit dem Symbolproblem kommt Kants Dualismus zwischen Sein und Werden mit Blick auf historische Erkenntnis zum Tragen, der nicht mehr – wie bei Platon – metaphysisch sondern rein logisch verfasst ist:

„Wir betrachten Substanz und Wandel nicht mehr als zwei verschiedene Seinssphären, sondern als Kategorien – als Bedingungen und Voraussetzungen unserer empirischen Erkenntnis.“[22]

Diesen Kategorien kommt universelle Gültigkeit zu und sie sind nicht auf bestimmte Gegenstände der Erkenntnis beschränkt, weswegen sie für alle Formen menschlicher Erkenntnis in Betracht kommen müssen. Cassirer räumt ein, dass historische Erkenntnis an Tatsachen anzusetzen hat und Geschichtsschreibung ihren Zweck durch ebendiese Tatsachen erhält. Wichtiger ist ihm aber die Frage, was unter einer historischen Tatsache zu verstehen sei[23].

„Wenn wir von Tatsachen sprechen, dann meinen wir nicht einfach unsere unmittelbaren Sinnesdaten. Wir denken vielmehr an empirische, d.h. objektive Tatsachen.“[24]

Solche Objektivität bedarf jedoch der Urteilsbildung, weswegen die Abgrenzung von Tatsachen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen gegeneinander stets auf der Analyse deren spezifischer Urteile zu beruhen hat, welche in dieser Hinsicht als verschiedene Erkenntnismodi aufgefasst werden können.
Eine historische Tatsache zeichnet sich gegenüber einer physikalischen dadurch aus, dass sie auf Rekonstruktion statt auf Experiment und Beobachtung zurückgeht. Da die Gegenstände historischer Erkenntnis in der Vergangenheit zu suchen sind, liegt das Hauptaugenmerk nicht auf Zustandsbestimmungen physikalischer Wirklichkeit, sondern auf der Deutung von Symbolen. Damit ist historische Erkenntnis jedoch keineswegs über alles Stoffliche erhaben, denn:

„So wie der Physiker lebt auch der Historiker in einer materiellen Welt.“[25]

Historische Gegenstände finden gewissermaßen ihren stofflichen Niederschlag in Objekten der physikalischen Welt. Da jedoch der Geschichtswissenschaft primär daran gelegen ist, frühere Zustände menschlichen Lebens und menschlicher Kultur zu erschließen, geht sie über empirische Rekonstruktionen hinaus und fügt ihnen symbolische Rekonstruktionen hinzu[26]. In der Deutung der Vergangenheit sieht Cassirer die wesentliche Aufgabe historischer Erkenntnis, ohne dass dabei der Bezug zur Gegenwart aufgegeben werden könnte:

„Historische Erkenntnis liefert Antwort auf ganz bestimmte Fragen, eine Antwort, die aus der Vergangenheit heraus gegeben werden muß; aber die Fragen selbst stellt und diktiert die Gegenwart (…).“[27]

Die symbolische Wirklichkeit, die den Gegenständen historischer Erkenntnis besonders zukommt, bedingt stete Deutung und Umdeutung[28]. Deswegen ist diese Wirklichkeit historischer Tatsachen auf beständiges Erinnern angewiesen. Cassirer fasst Erinnerung explizit nicht als schlechthinnige Reproduktion, sondern als konstruktiven Akt. Das „fundamentale Dilemma des historischen Denkens“[29] besteht im scheinbaren Gegensatz zwischen „der Objektivität der historischen Wahrheit und der Subjektivität des Historikers.“[30] Cassirer löst diesen Widerspruch unter Verweis auf den anthropomorphen Charakter historischen Denkens, der keineswegs gegen die Möglichkeit objektiver historischer Erkenntnis spricht. Vielmehr ist Geschichte eine Form der Selbsterkenntnis und weniger die Erkenntnis von rein Äußerlichem[31]. Hinzu kommt, dass historische Erkenntnis gewissermaßen als anlassgebunden vorgestellt wurde – zumindest insofern, als dass sie wie bereits erwähnt ihren Ausgangspunkt in der Gegenwart hat und von dort aus Historiker die symbolische Rekonstruktion von Vergangenem unternehmen.
Ein weiteres Problem historischer Erkenntnis liegt darin, dass die Vergangenheit nicht in Gänze rekonstruiert werden kann und folglich ein formales Wertesystem erforderlich ist, mit dem die Auswahl des Dargestellten begründet werden kann. Für Cassirer ist nicht primär ausschlaggebend, ob den ausgewählten Tatsachen nachgewiesen werden kann, dass sie folgenschwer für den Fortgang der Geschichte gewesen sind.

„Historische Tatsachen sind charakteristische Tatsachen, denn in der Geschichte – in der Geschichte der Nationen ebenso wie in der einzelner Personen – geht es nie allein um Taten oder Handlungen. Wir sehen in ihnen Äußerungen des Charakters.“[32]

Historische Erkenntnis ist also nicht weit vorangekommen, wenn sie sich auf die bloße Beschreibung von Tatsachen beschränkt und diese nicht als Charakteristika des vergangenen Wirklichkeitsausschnitts zu greifen sucht, auf den Historiker ihren Blick richten. Entsprechend rückt die Aussagekraft historischer Gegenstände als Auswahlkriterium in den Vordergrund, denn erst hiermit kann eine gründliche Ausdeutung der Vergangenheit gelingen und erst dann können die Fragen, die sich aus der Gegenwart ergeben, einer Antwort näher gebracht werden.
In Bezug auf methodische Fragen konstatiert Cassirer, dass historische Erkenntnis – wenn sie von bloßer Fiktion verschieden sein soll – an ebenso strenge Regeln gebunden ist wie naturwissenschaftliche Erkenntnis und alle Methoden empirischer Forschung mobilisieren sowie alle verfügbaren Quellen kritischem Vergleichen unterziehen muss. Das Erkenntnisinteresse der Philosophie der symbolischen Formen zielt auf die Bestimmung des Menschen und in dieses Programm spannt Cassirer auch die Geschichtsforschung ein. Ohne eine angemessene Bearbeitung des Vergangenen wäre diesem Anliegen eine entscheidende Auskunftsquelle entzogen.

[22] Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Meiner, Hamburg: 2007, S. 263.

[23] Vgl. ebd. S. 266.

[24] Ebd.
[25] Ebd. S. 267.

[26] Vgl. ebd. S. 271.

[27] Ebd. S. 273.

[28] Vgl. ebd. S. 282.

[29] Ebd. S. 286.

[30] Ebd.

[31] Vgl. ebd. 291.

[32] Ebd. S. 299.