2. Ernst Cassirer und Probleme des Symbolischen

In „Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften“[5] widmet sich Cassirer der systematisch-philosophischen Einordnung des Begriffs der symbolischen Formen. Er greift Forschungen verschiedener Wissenschaftszweige seiner Zeit auf, um zu zeigen, dass symbolische Formen wichtiger Bestandteil jeder Wissenschaft sind. Gleichsam stellt er fest, dass symbolische Formen selbst noch nicht zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung erhoben worden seien. Die „Einheit eines geistigen Gebietes [ist] niemals vom Gegenstand her, sondern nur von der Funktion her, die ihm zugrunde liegt, zu bestimmen und zu sichern (…)“, weshalb sich „die Aufgabe einer allgemeinen Systematik der symbolischen Formen“[6] stelle. Sein Anliegen schildert er in dem Text aus dem Jahr 1927 wie folgt:

„Es handelt sich darum, den symbolischen Ausdruck, d.h. den Ausdruck eines ‚Geistigen‘ durch sinnliche ‚Zeichen‘ und ‚Bilder‘, in seiner weitesten Bedeutung zu nehmen; es handelt sich um die Frage, ob dieser Ausdrucksform bei aller Verschiedenheit ihrer möglichen Anwendungen ein Prinzip zugrunde liegt, das sie als ein in sich geschlossenes und einheitliches Grundverfahren kennzeichnet.“[7]

Es geht ihm also darum, einen Begriff des Symbolischen zu entwickeln, der dazu geeignet ist, die Vielgestaltigkeit symbolischer Ausdrucksweisen und –Formen an ein allgemeines Prinzip zurückzubinden. Dabei zielt er auf eine begriffliche Fassung, in der

„[u]nter einer ‚symbolischen Form‘ (…) jede Energie des Geistes verstanden werden [soll], durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird.“[8]

Innerhalb solcher Vermittlung betont Cassirer den eigentümlich prozessualen Charakter menschlichen Bewusstseins, den er auf den „immanenten Widerspruch“ zwischen Sein und Werden zuspitzt. Dieser Gegensatz erscheint jedoch als analytischer, denn beide Momente fallen im menschlichen Geist zusammen. Die Überbrückung dieses Widerspruchs vollzieht sich überall dort, „wo das Bewußtsein (sic!) sich nicht damit begnügt, einen sinnlichen Inhalt einfach zu haben, sondern wo es ihn aus sich heraus erzeugt.“[9]
Mit dem bisher Gesagten ist aber weniger eine Lösung entworfen als viel mehr ein Problem formuliert. In „Das Symbolproblem und seine Stellung im System der Philosophie“[10] bringt Cassirer dies dergestalt zum Ausdruck, dass Symbolen zwar universelle Geltung zukomme, aber „daß es ebendiese seine universelle Bedeutsamkeit mit einem ständigen Bedeutungswandel erkaufen muss.“[11] Diesem Wandel spürt Cassirer nach und verortet den Ursprung des Symbolproblems in der Sphäre des Religiösen, in der dem Symbol noch unmittelbare Wirklichkeit und Wirksamkeit zugekommen sei. In der Ästhetik verhält es sich schon anders, denn das Symbolproblem stellt sich dort dar als Verhältnisbestimmung zwischen der Sinnenwelt und der intelligiblen Welt bzw. zwischen Erscheinung und Idee[12]. In Bezug auf die Gegenstände von Logik und Mathematik stellt sich das Problem auf wieder andere Art. Die Formwelt dieser Disziplinen kann unter Verzicht auf konkretsinnliche Zeichen nicht vollständig erfasst und dargestellt werden. Unter Verweis auf Helmholtz führt Cassirer aus, dass naturwissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung auf symbolischen Grundakten fußen[13]. Dies führt ihn auf die folgende Fragestellung:

„Wo finden wir das einigende Band, das die Fülle und Mannigfaltigkeit der Bedeutungen, die der Symbolbegriff allmählich in seiner eigenen immanenten Entwicklung angenommen hat, miteinander verknüpft?“[14]

Diese Bearbeitung dieser Frage überantwortet er der Philosophie, die sich nicht damit begnügen dürfe,

„je einen dieser Blickpunkte (…) zu fixieren, sondern sie muß in einer Synopsis höherer Stufe sie alle zu umspannen und sie in ihrem konstitutiven Prinzip zu verstehen suchen: Denn erst die Totalität dieser Prinzipien macht die objektive Einheit und die objektive Ganzheit des Geistes aus.“[15]

Cassirers Rekonstruktion von Symbolbegriffen aus verschiedenen Arbeitsbereichen der Wissenschaft fördert mehrere voneinander verschiedene Bedeutungsinhalte zutage, deren Herausbildung er auf je eigene Prinzipien zurückführt. Zur Bündelung dieser Vielgestaltigkeit wählt er einen philosophischen Zugang, der ein „gedankliches Bezugssystem“[16] bereitstellt, welches die Vielgestaltigkeit symbolischer Formen aufzufangen vermag. Grundannahme dieser Überlegung ist, „daß ‚Sinnliches‘ und ‚Sinnhaftes‘ uns rein phänomenologisch immer nur als ungeschiedene Einheit gegeben sind“[17] und wendet sich in Bezug auf das Symbolproblem gegen den Kantischen Dualismus von Form und Stoff.
Cassirer stellt – eingedenk der damit verbundenen Nachteile – schematisch drei grundlegende „Dimensionen der symbolischen Formung“[18] in Form einer funktionalen Differenzierung vor, die gewissermaßen nach ihrem Abstraktionsgrad gestaffelt sind. In der Ausdrucksfunktion sind Sinnliches und Sinnhaftes noch am unmittelbarsten ineinander verschränkt. Während der Ausdruck noch direkt an denjenigen geknüpft bleibt, der ihn hervorbringt, weist Darstellung über das Subjekt hinaus. Die Darstellungsfunktion erfüllt sich in der Bezugnahme auf zu beschreibende objektive Sachverhalte. In Bereich der reinen Bedeutung ist diese Beziehung nicht mehr in Kraft und die dort verorteten symbolischen Formen sind nunmehr „Zeichen im Sinne einer bloß abstrakten Zuordnung“[19].
Auch wenn diese Systematisierung der symbolischen Formen in der Philosophie der symbolischen Formen deutlich umfassender ausgeführt vorliegt, bleiben die oben genannten Grundfunktionen in Kraft. Cassirer präzisiert die Aufgabenstellung einer philosophischen Kritik der Erkenntnis:

„Sie muß die Frage stellen, ob die intellektuellen Symbole, unter denen die besonderen Disziplinen die Wirklichkeit betrachten und beschreiben, als ein einfaches Nebeneinander zu denken sind, oder ob sie sich als verschiedene Äußerungen ein und derselben geistigen Grundfunktion verstehen lassen.“[20]

Das Einpassen von Besonderem in ein universell gültiges Ordnungssystem stellt Cassirer als Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis vor. Er fügt hinzu, dass sich im „Ganzen des geistigen Lebens“ eine ähnliche, auf Allgemeingültigkeit zielende Tendenz antreffen lässt, welche sich aber in anderen Erkenntnismitteln als logischen Begriffen und Gesetzen niederschlägt. Als gemeinsames Moment wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher Erkenntnis und in gewissem Sinne geistige Grundfunktion führt Cassirer deren „ursprünglich-bildende, nicht bloß (…) nachbildende Kraft“[21] an. Der so gefasste Idealtyp menschlicher Erkenntnis soll seinen Gegenstand unbeschadet dessen notwendiger Abstraktheit als aktives Erzeugen und nicht als bloße Reproduktion von Gegebenem fassen. Dies mündet letztlich in Cassirers These, dass symbolische Formen nicht bloßer Abglanz einer objektiv gegebenen Wirklichkeit sondern vielmehr die Konstituenten menschlicher Erfahrung sind und folglich den Ausgangspunkt der symbolischen Konstruktion der Wirklichkeit bilden.

 

[5] Cassirer, Ernst: Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften. In: Ders., Schriften zur Philosophie der symbolischen Formen. Hg. v. Marion Lauschke, Meiner, Hamburg: 2009, S. 63-92.

[6] Ebd. S. 66.

[7] Ebd.

[8] Ebd. S. 67.

9 Ebd. S. 69.

[10] Cassirer, Ernst: Das Symbolproblem und seine Stellung im System der Philosophie. In: Schriften zur Philosophie der symbolischen Formen, S. 93-122.

[11] Ebd. S. 93.

[12] Vgl. ebd. S. 94.

[13] Vgl. ebd. S. 96.

[14] Ebd.

[15] Ebd. S. 99.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd. S. 100.

[19] Ebd. S. 101.

[20] Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil. Die Sprache. Hg. v. Claus Rosenkranz, Meiner, Hamburg: 2010: S. 6.21 Ebd. S. 7.

[21] Ebd. S. 7.