1. Einleitung

Wie Welskopp[1] gezeigt hat, haben vergleichende Methoden verhältnismäßig spät Eingang in die deutschsprachige historische Forschung gefunden und waren an Vorgehensweisen anderer Geistes- und Sozialwissenschaften orientiert. Vergleichende Zugänge stellten in Aussicht, der Komplexität bestimmter Problemstellungen gerecht zu werden. Welskopp weist auch darauf hin, dass komparatistisch ausgerichtete historische Forschung auf spezifische Probleme stößt. Entsprechend wird die Wichtigkeit ebenfalls vergleichend gewonnener theoretischer Grundlagen hervorgehoben. Solche Theoriebildung findet ihren Platz in Meta-Reflexionen, die auch auf Modell- und Typenbildung abzielen.
Matthes[2] problematisiert den Vergleich aus soziologischer Perspektive als wissenschaftliche Basisoperation, von der nur dann sinnvoll die Rede sein kann, wenn der institutionell-disziplinäre Kontext offen gelegt wird, aus dem die Fragestellungen erwuchsen, welche über den Vergleich einer Antwort zugeführt werden sollen. Er spricht sich dafür aus, Meta-Reflektionen stets transparent zu halten, um nicht Aporien aufzusitzen. Die Konstruktion von tertia comparationis als Erkenntnismittel nicht nur des historischen Vergleiches bildet gewissermaßen einen Fallstrick, denn ihr Erkenntniswert wird dort geschmälert, wo sie lediglich Ergebnis kultureller Projektionen der Forschenden sind, statt auf bewusster Meta-Reflektion zu beruhen.
Als elementare Leitdifferenz des – noch immer soziologisch gefassten – Vergleichs weist Matthes die Unterscheidung zwischen Tradition und Moderne aus, die entlang eines auf Kontinuität hin entworfenen Verständnisses sozialer Prozesse einer Vergleichslogik Vorschub leistet, welche die jeweiligen Vergleichseinheiten über tertia comparationis zueinander in Beziehung zu setzen sucht. Dieser Zugang macht sich jedoch dadurch verdächtig, dass er kaum an seine Grenzen getrieben werden kann. Matthes‘ Plädoyer zielt auf eine Wendung der Optik des Vergleichs und stellt sich gegen die Verwendung gattungsbegrifflich gefasster Vergleichseinheiten, in denen westliche Prozesse der Gesellschaftsbildung mehr oder weniger naiv als Gegebenheit behandelt werden.
Stattdessen schlägt er vor, einer Vergleichslogik zu folgen, die kulturelle Austauschprozesse anvisiert, welche quer zu den jeweils veranschlagten Vergleichseinheiten liegen und somit den Blick öffnen für Interdependenzen, Reziprozität oder Interkulturalität, ohne sich dabei selbst auf die Reproduktion westlicher Stereotype oder asymmetrisch konzeptualisierter Grundannahmen zu beschränken. Soll es dem Vergleich um die Erweiterung dessen gehen, was sich in einer geteilten Lebenswelt denken lässt, so muss wechselseitigen Integrations- wie Abgrenzungsprozessen nachgegangen werden. Für Reckwitz[3] bilden Interkulturalität und kulturelle Differenzen die Ausgangspunkte einer Diskussion des Vergleichs. Die Herausbildung des Begriffs Kultur, wie er seit Aufklärung und Romantik zur Ausprägung kam, eröffnete den Blick auf die Kontingenz sozialer Phänomene, was einen vergleichenden Zugang zu den verschiedenen Möglichkeiten sozialen Lebens nahe legt. Innerhalb der Diskussion verschiedener Kulturtheorien und Kulturbegriffe sticht die bedeutungsorientierte Fassung deshalb hervor, weil sie als Hintergrund für jüngste Kulturtheorien vorgestellt wird. Theoretische Grundannahme dieses Zugangs zu Kultur ist, dass sich menschliches Handeln in seiner Vielgestaltigkeit auf Grundlage symbolischer Ordnungen und Weltdeutungen vollzieht. Als entscheidend sieht Reckwitz an, dass sich die symbolische Konstruktion der Wirklichkeit nicht auf Ebene des Bewusstseins oder des Unbewussten von Akteuren, sondern Zwischensequenzen und Diskursformationen vollziehe[4].
Die vorliegende Arbeit befasst sich auf theoretische Ebene mit dem Symbolbegriff und greift dabei auf die Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer zurück. Die von ihm vorgelegte wissenschaftshistorische und erkenntnistheoretische Einordnung des Symbolischen soll kurz umrissen werden. Im Anschluss wird sich der Text dem Herausarbeiten eines Symbolbegriffs zuwenden, bevor genauer auf historische Erkenntnis in diesem Zusammenhang eingegangen wird. Dies soll ein auf Cassirers Symbolphilosophie begründetes Theorieangebot für kulturhistorisch vergleichende Forschung liefern. In Bezug auf die Kontingenz sozialen Handelns soll der Darstellung ein kurzer Exkurs in Michael Makropoulos Kontingenztheorem folgen, da aus diesem wichtige handlungstheoretische Positionen gezogen werden können, die vergleichend operierender Kulturgeschichte zuträglich sind.

 

[1] Welskopp, Thomas: Vergleichende Geschichte. In: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. v. Inst. f. Europ. Gesch. (IEG), Mainz: 2010; URL: http://ieg-ego.eu/de/threads/theorien-und-methoden/vergleichende-geschichte; zuletzt: 06.04.2016.

[2] Matthes, Joachim: The Operation called ‚Vergleichen‘. In: Matthes, Joachim, Das Eigene und das Fremde. Gesammelte Aufsätze zu Gesell., Kultur u. Religion, hg. v. Rüdiger Scholz, Würzburg: 2005, S.381-414.

[3] Reckwitz, Andreas: Kulturelle Differenzen aus praxeologischer Perspektive. Kulturelle Globalisierung jenseits von Modernisierungstheorie und Kulturessentialismus. In: Scrubar, Ilja; Renn, Joachim; Wenzel, Ulrich (Hg.), Kulturen vergleichen. Sozial- und kulturwissenschaftliche Grundlagen und Kontroversen, Wiesbaden: 2005, S. 92-111.

[4] Vgl. ebd. S.98.